Was tun gegen Prüfungsangst?

Heute möchte ich einige, von mir zusammengestellte,  Erste-Hilfe-Methoden vorstellen, die sehr wirksam sind gegen Prüfungsangst. Natürlich ersetzen sie nicht das Aufdecken der Wurzeln der Angst,aber bis dahin leisten sie wirksame Dienste. Um zu verstehen, schauen wir uns erst mal an, was Prüfungsangst eigentlich ist.


Der Betroffene sieht sich in einer Situation, in der er auf dem Prüfstand steht. Er soll zeigen, dass er den geforderten Wissensstand besitzt, um eine Tätigkeit XY ausführen zu können. Dabei kann man Fehler machen oder sogar gänzlich versagen. Wir haben es also mit einer Versagensangst zu tun, die sich z.B. auch in Angst vor öffentlichen Auftritten, Reden halten usw. zeigt. Angst entsteht, wenn wir uns in Gefahr befinden oder in einer ähnlichen Situation einmalbefunden haben. Da wir von einem Prüfer in der Regel nicht bedroht werden, können wir davonausgehen, dass die angstauslösende Situation bereits länger zurück liegt.
Höchstwahrscheinlich ist es die Angst eines kleinen Kindes, welches wegen eines Vergehens bestraft wurde. Als Kind erkennen wir nicht den Unterschied zwischen Tat und Täter. Wenn Vater brüllt, weil das Diktat eine 6 ist und der Lehrer sagt, „aus dir wird nie was, wenn du nicht endlich fleißig bist“ liegt der Schluss nahe, dass ich in meiner ganzen Persönlichkeit schlecht bin, eben nicht gut genug und dies nicht nur die erbrachte Leistung begrenzt ist. Das impliziert, dass ich mich schämen muss, dem Vater nicht mehr unter die Augen kommen darf und ich ihn bitter enttäuscht habe. So einen Versager kann man nicht lieben, man kann gut auf ihn verzichten. Hier geht’s also um die Angst vor dem „Ausgeschlossen werden“, nicht mehr dazu zu gehören, zu nichts zu gebrauchen zu sein, letztendlich überflüssig zu sein. So einen kann man nicht lieb haben und seinen Lebensunterhalt wird er auch nicht verdienen. Das klingt zu übertrieben? Aus der Sicht eines Erwachsenen vielleicht (Eltern meinen das ja nicht so), aber als Kind ist diese Angst sehr real und fühlt sich existenziell bedrohlich an. So ist ein Trauma entstanden, dass zuverlässig in jeder späteren Leistungssituation mit heftigen Angstsymptomen vor erneuter existentieller Bedrohung warnt, auch wenn der inzwischen erwachsen gewordene Verstand es als überflüssig und lästig bewertet. Eine vollständige Auflösung von derart traumatisierter Prüfungsangst kann deshalb kaum mit meinen erste Hilfe–Tipps erreicht werden, dazu braucht es das Aufdecken der auslösenden zusammenhänge. Aber bis dahin können Sie folgendes versuchen: Tun Sie so, als wären Ihre Angstsymptome (Herzklopfen, trockener Mund usw.) eine unangenehme Begleiterscheinung, von der Sie sich nicht weiter beeindrucken lassen müssen. Wenn Sie einen verstauchten Fuß hätten, der schmerzt, kämen Sie auch nicht auf die Idee, dass Sie deshalb Ihr gelerntes Wissen vergessen könnten. Behandeln Sie Ihre Angstsymptome genauso. Der eigentliche Angsthase ist sowieso noch ein kleines Kind (siehe oben) geprüft wird aber ein Erwachsener. Oder: Teilen Sie dem Prüfer ihre Angst zu Beginn der Prüfung mit, etwa so: „Bitte entschuldigen Sie meine Angst, ich weiß, dass Sie mir nichts tun und nur mein Wissen prüfen wollen.“
Entweder bekommen Sie ein paar aufmunternde Worte oder ein lachendes „Woher wissen Sie das?“ In jedem Fall ist das Eis gebrochen und es kann etwas lockerer weiter gehen. Bei einem Blackout bzw. einer Frage, die Sie nicht gelernt haben, können Sie um ein Glas Wasser bitten, das verschafft  einige Bedenksekunden, oder Sie sagen: „Ich weiß nicht genau, ob ich die Frage richtig verstanden habe, meinen Sie … (sie referieren über ein Gebiet, auf dem Sie sich gut auskennen) oder meinen Sie… (Sie nennen ein zweites Gebiet, auf dem Sie sich sicher fühlen). Selbst wenn nun klar ist, dass Sie die Frage nicht beantworten können, weiß der Prüfer jetzt, auf welchen Gebieten Sie sich auskennen. Da kein Prüfer gern noch einmal prüft, wird er höchstwahrscheinlich Ihr verstecktes Angebot annehmen und in die nächste Frage darauf beziehen. Stellen Sie sich vor der Prüfung vor, wie froh und glücklich Sie sein werden, wenn alles vorbei ist. Eine Prüfung dauert nicht ewig, und diese Zeit ist schnell vorbei, machen Sie sich das bewusst: in einer Stunde sitze ich im Restaurant oder zu Hause, dann ist alles gut. Und wenn das alles nicht wirklich hilft, suchen Sie sich einen fähigen Coach, der Ihnen bei der Angstauflösung behilflich ist. Jeder Mensch hat es verdient, traumafrei sein Leben zu genießen.

 

Ihre Kathrin Schmitz

 

Über Kathrin Schmitz:
Kathrin Schmitz wurde 1960 in Leipzig geboren und lebt seit 1982 im Rhein-Erft-Kreis.
Als Diplom-Psychologin und Coach betreibt sie eine psychotherapeutische Privatpraxis in Bergheim.

www.praxis-bergheim.de